In diesem zweiten Teil meiner Betrachtung von Senecas Werk „DE VITA BEATA“ steht die tägliche Umsetzung Senecas Lehren, das Wie, im Vordergrund.
Nach den letzten Ausführungen hat ein glückseliges Leben also die Tugend („virtus“) als höchstes Gut und Ziel. Denn „virtus“ führt dazu, dass man alles, was erduldet werden muss (Krankheit, Todesfälle etc.), mit großem/starkem Charakter („magno animo“) aufnehmen kann. Die Tugend rät den Menschen, tapfer gegen „Übles“ und für „Gutes“ zu stehen, sogar, soweit es Recht ist, Gott ähnlich zu werden. Das Streben nach und mit der Tugend lässt nichts gegen den eigenen Willen und unsere Erwartung geschehen. Dennoch bleibt dabei ein „gewisses Maß an Nachsicht von Seiten des Schicksals“ nötig. Denn Menschen sind und bleiben wir.
Unser tägliches Leben sähe nach Lucius Annaeus Seneca so aus, dass wir beständig versuchen, Fehler im Verhalten und Denken zu beseitigen und Irrtümer nicht gut zu heißen. Genauso sollte etwas weder geizig gehütet noch verschwenderisch ausgeteilt werden. Letztendlich sollen „das gute Gewissen und die rechte Bestrebung geliebt“ und „niemandes Freiheit, am wenigsten die eigene, geschmälert werden“. Wir leben dann zwar nicht einem „besten“ Menschen gleich, aber besser als die schlechten. Und wenn einer von uns beim letzten Atemzug angekommen ist, so sollte dieser wie der Epikureer Diodor sagen können: „Ich habe gelebt und die Bahn, die mir das Schicksal gab, vollendet.“
Schon zu Senecas Lebzeiten waren Skeptische damit beschäftigt, die Philosophie und ihre Lehren zu zerreden. Philosophen würden anders leben, als sie es selbst anderen raten. Für Seneca allerdings leisten Philosophen viel, weil sie über Weisheit sprechen und Sittlichkeit in Begriffe zu fassen versuchen. Seneca selbst gab sich den Lebens-Leitspruch: „Ich werde so leben, als ob ich wüsste, dass ich für die anderen geboren bin.“ („Ego sic vivam quasi sciam aliis esse me natum.“).
Dass es auch damals schon wohlhabende Philosophen gegeben hat, wie z.B. Seneca selbst, braucht nicht abschreckend zu wirken. Denn diese hatten erkannt, dass Reichtum, mehr als die Armut, Mittel zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit in Richtung Glückseligkeit bereitstellt. Daher ist Reichtum der Armut vorzuziehen, ebenso die Gesundheit der Krankheit, der Frieden dem Krieg und das Glücklichsein dem Unglücklichsein. Die angenehmen Begleiter dieser Bereiche, wie z.B. Vermögen und ein eigenes Haus, tragen zur beständigen Fröhlichkeit bei, die auf natürliche Weise aus der Tugend entsteht. Darum sollen solche Begleiter ruhig zum eigenen Leben gehören – sie sind als Geschenke des Schicksals anzusehen. Aber man soll sich nicht von den Begleitern beherrschen lassen, sodass man sein Leben auf das Streben nach den Annehmlichkeiten ausrichtet und persönlich ins Wanken gerät, wenn sie denn fehlen sollten.
Ist man im Besitz der Annehmlichkeiten, wie eine große Menge an Geld, so kommt Seneca nun auf das Thema Wohltätigkeit zu sprechen:
Denn das Schenken an sich muss wohl überlegt sein! Es kann nämlich sein, dass trotz der gebotenen Hilfe einem Anderen nicht aus seiner Misere geholfen wurde, oder noch schlimmer, dass dieser die Hilfe falsch gebraucht und auch künftig mehrmals um Hilfe bittet. Daher meint Seneca, darf nur dann geschenkt werden, wenn dabei auch nichts verloren geht bzw. umsonst war. Das Geschenk muss auf freie und überlegte Weise übergeben werden, es soll dort helfen, wo es auch sicher helfen kann. Und grundsätzlich betrachtet, muss der Mensch dem Menschen helfen – denn die Natur befiehlt es („hominibus prodesse natura me iubet“).
Zuletzt wendet sich Seneca der Selbstbetrachtung zu:
Auch heute ist Armut mit Minderwertigkeitsgefühlen verknüpft, Reichtum dafür oft mit Arroganz und Selbstverliebtheit. Seneca spricht sich daher für eine umgekehrte Sichtweise aus: Ist man arm, so soll man nicht auf sich selbst herabschauen, und ist man reich, nicht zu sich selbst hinauf. Denn als vom Schicksal Beschenkter wäre man hochmütig, wenn man glauben würde, dass das Schicksal niemals irgendwie zugreifen könnte, um die Geschenke wieder zu entreißen.
Ich möchte meine Betrachtung von Senecas „DE VITA BEATA“ mit einem der ratgebenden Sprüche seines Buches beenden und hoffe, dass meine Darstellung zum glücklichen Leben oder zumindest zum Interesse an Lucius Annaeus Senecas Lehren angeregt hat:
„Froh über das Gegenwärtige, ohne Sorge um das Zukünftige sein“ – praesentibus laetus, futuri securus